Biographiearbeit im Kurt–Hahn–Haus

Wir leben zunehmend in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Auch die Einrichtungen der Eingliederungshilfe sind davon nicht ausgenommen. Die Bewohner der Wohnhäuser werden zunehmend älter, das soziale Netz dünner. Auch demenzielle Erkrankungen kommen immer häufiger vor.

Viele Menschen im Kurt-Hahn–Haus sind nicht in der Lage, Auskunft über sich selbst zu geben. Auch Angehörige, die über ihr Leben berichten können werden zunehmend weniger. Hinzu kommt die vorhandene Personalfluktuation. Das alles sind Faktoren, die dazu führen, dass Wissen über die Bewohner verloren zu gehen droht. Aufgrund ihrer Beeinträchtigungen sind viele Menschen auch nicht in der Lage, sich selbst mit ihrem bisherigen Leben und ihrer Biographie auseinanderzusetzen. Zunehmend besteht die Gefahr eines Identitätsverlustes. Wer bin ich eigentlich, was macht mich aus, was habe ich in der Vergangenheit geleistet, was sind Ziele für die Zukunft? Was macht mir Spaß oder woran habe ich überhaupt kein Interesse? Es besteht die Gefahr, dass sich das Wissen über die  Bewohner immer mehr auf die Aktenlage reduziert.

So ist es notwendig, Wissen zu erhalten, da dies eine Grundlage ist für eine optimale Betreuung. Niemand handelt ohne einen Grund. Viele, zunächst vielleicht unerklärliche Verhaltensweisen, können erst durch Kenntnisse über das bisheriges Leben der Menschen verstanden werden. Aus dem Wissen um die Vergangenheit eines Betreuten, ergeben sich neue Möglichkeiten Angebote zu machen.

Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen wurde im Kurt-Hahn-Haus beschlossen, einen stärkeren Schwerpunkt auf das Thema Biographiearbeit zu legen.

Es wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die im März 2016 ihre Arbeit aufgenommen hat und monatlich zusammenkommt. Mitarbeiter aller Wohngruppen sowie Vertreter der Tagesförderstätte arbeiten hier an der Entwicklung eines Konzepts, wie Biographiearbeit im Kurt-Hahn–Haus optimiert werden kann, um die zuvor beschriebenen Gefahren abzuwenden und um vorhandenen Entwicklungen Rechnung zu tragen.

Ziel des Konzepts ist es, zu erarbeiten, wie Angebote für die Bewohner gemacht werden können, bei denen sie sich mit ihrem Leben und ihrer Identität auseinandersetzen können oder an ihre Vergangenheit und frühere Bezugspersonen erinnern können. Es gilt auch, Vorlieben zu erkennen, die eventuell in Vergessenheit geraten sind. Grundlage für diese Arbeit stellt zunächst das Zusammenstellen der Biographien dar.

Dabei ist selbstverständlich, dass der wichtigste Grundsatz der Biographiearbeit die Freiwilligkeit ist. Niemand kann oder darf gezwungen werden, sich über seine Lebensgeschichte mit anderen Personen auseinanderzusetzen. Es gibt keine Verpflichtung, sich zu offenbaren oder Auskünfte über sich oder seinen Angehörigen zu geben. Jeder Mensch hat das Recht selbst zu entscheiden, was er von sich Preis gibt und was nicht.

Arnold Kempf

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