Radtour von Speyer nach Friedrichskoog

Bei Silke scheint immer die Sonne…

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Beim Aufräumen meines Arbeitszimmers fiel mir in einer Archivbox die Ausgabe 2/2005 der „Informationen für Mitglieder und Freunde der Lebenshilfe Ludwigshafen“ in die Hände und ich stieß darin auf einen Artikel mit der Überschrift „Heilpädagogisches Reiten an der Algarve“. Verfasserin war das heutige Vorstandsmitglied Judith Heer. Was hat das nun mit der Fahrradtour zu tun, die ich im vergangenen Jahr mit meinem Sohn Tomas (damals 15 Jahre) von Speyer nach Friedrichskoog unternommen habe und über die ich hier kurz berichten möchte?

Als Judith Heer 2005 in einer Mitgliederversammlung über Silke Baumgarten und ihr Konzept für einen integrativen Familienurlaub auf der Herdade do Castanheiro an der portugiesischen Algarveküste vorstellte, stufte ich diese Art von Urlaub mit einem behinderten Kind doch etwas außergewöhnlich ein. Die Idee schaffte es dann aber gleich in die von mir redaktionell betreute Mitgliederzeitschrift.

Ich brauchte mit meiner Familie noch ein paar Jahre, bis wir das Außergewöhnliche ausprobieren wollten. Und so machten wir uns 2009 erstmals nach Portugal auf. In der harmonischen, stressfreien und toleranten Atmosphäre der „Herdade do Castanheiro“ fernab vom Trubel erlebten wir mit Tomas vier wunderbare Urlaube. Wenn es sein musste, war der Touristentrubel und der Strand jederzeit binnen fünfzehn Autominuten erreichbar. Das integrative Betreuungsprogramm gab Eltern den im Urlaub notwendigen Freiraum. Beeindruckend für mich war die absolute Selbstverständlichkeit, wie auch mehrfach schwer behinderte Kinder am Programm teilnehmen konnten. Es entstanden viele Kontakte zu Familien mit behinderten Kindern aus ganz Deutschland, die zum Teil heute existieren.

Als Silke Baumgarten uns dann 2012 ankündigte, dass sie Portugal verlassen und ihre Herdade künftig am Nordseestrand in Friedrichskoog weiterführen wolle, brach zunächst eine Welt für uns zusammen. Erinnerungen an zwei verregnete Urlaube in Norddeutschland kamen hoch. Hoffnung gab die Versicherung, dass das bewährte Konzept und sogar die meisten Tiere mit umziehen würden.

Nach dem ersten Schock erkannte ich aber auch die neuen Chancen und kündigte spontan und noch ohne konkrete Pläne an, dass wir da wohl mal mit dem Fahrrad vorbeikommen wollen, was zunächst niemand ernst nahm. Tomas war damals gerade mal 11 Jahre alt und hatte erst mit 9 Jahren Radfahren gelernt.

So packten wir 2013 zumindest mal die Räder ins Auto, um das durchaus sehr interessante Friedrichskooger Hinterland, das Dithmarscher Land, ohne Auto zu erkunden zu können. 2014 wagte ich mit Tomas dann die erste größere Tour und wir machten uns mit dem Fahrrad auf den Heimweg. Über den Mönchsradweg, Bremen und den Weserradweg schafften wir in vier Tagen 325 Kilometer. Der Rest mit dem Zug.

Das große Ziel sollte dann 2016 verwirklicht werden. Nachdem ich mit meiner Tochter 2015 die Tour nach Friedrichskoog in sieben Tagen bewältigen konnte (870 Kilometer über das hessische Bergland, Fulda- und Weserradweg), plante ich für Tomas elf Tage im August ein. Wir nahmen den Rheintalradweg über Mainz, Koblenz und Bonn bis Düsseldorf, fuhren dann den Ruhrtalradweg bis Essen. Über das Radwegenetz und verschiedene Themenradwege ging es dann über die Stationen Haltern am See, Münster, Osnabrück und Twistringen nach Bremen, wo wir eine schöne Begegnung mit dem Schwerbehindertenbeauftragen des Landes Bremen, Dr. Joachim Steinbrück, in der Bremer Bürgerschaft hatten. Dr. Steinbrück hatte ich auf einer Studienfahrt über Inklusion an Schulen und in der Arbeitswelt in Südtirol kennen gelernt.

In Bremen bogen wir dann wieder auf den Weserradweg ein, der über Bremerhaven bis zur Endstation Cuxhaven führt. Von dort aus geht’s mit der Fähre nach Brunsbüttel. Bei stürmischem Wind und heftigem Regen wurden wir am Hafen von Brunsbüttel von Silke Baumgarten überaus herzlich begrüßt.

Durch Wind und Wetter gestählt, schafften wir auch die letzten 30 Kilometer im Sattel und wurden von alten Freunden und der Sonne am Tjarkshof (so heißt die Herdade jetzt) begrüßt. Und mit dem plötzlichen Auftauchen der Sonne schließt sich dann der Kreis wieder zu Portugal, wo die Sonne tatsächlich etwas häufiger zu sehen war. Oder um es anders auszudrücken: dort wo Silke Baumgarten ist, scheint immer die Sonne, auch bei schlechtem Wetter!

Es gab auf der Radtour jede Menge Begegnungen mit interessanten Leuten. Und da Tomas bekanntermaßen sehr kontaktfreudig ist, wurde unser Zeitplan nicht nur durch das feuchte Wetter immer wieder sehr strapaziert. Die Übernachtungen erfolgten in Jugendherbergen und Hotels, die immer spontan gebucht wurden. Was bleibt von dieser Radtour:

  • Der durchaus berechtigte Stolz, diese Tour mit einem heftig pubertierenden Jungen mit Down-Syndrom bei absolut schlechten Witterungsbedingen geschafft zu haben.
  • Der erste Abend in Mainz, als sich Tomas einen Bracket seiner Zahnspange herausriss und wir am nächsten Tag einen Kieferorthopäden aufsuchen mussten.
  • Tomas' über eine Stunde andauernde Tanzeinlage mit verschiedenen Partnerinnen in der Düsseldorfer Altstadt bei einem Weinfestival, wofür er viel Bewunderung und Applaus erntete, wobei der Vater allerdings bisweilen „ungespitzt“ im Boden versinken wollte…
  • Die Willenskraft von Tomas, die täglichen Verspätungen im Zeitplan durch flotte Fahrten in den späten Nachmittagsstunden wieder reinzuholen.
  • Und nicht zu vergessen: 14 Tage Erholung bei Silke Baumgarten auf dem Tjarkshof.

Hier der Kontakt:

Therapeutischer Ferienhof Tjarkshof
Herdade am Deich
Silke Baumgarten
Tjarksweg 1
25718 Friedrichskoog.

www.tjarkshof.com

Norbert Hauck

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