Sehen im Kindergarten

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Im wahrsten Sinne des Wortes die Augen geöffnet hat uns Frau Engels von der Frühförderung für sehgeschädigte Kinder der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Neuwied auf einer Fortbildung für das Team der Integrativen Kindertagesstätte. Thema der Fortbildung: Sehen im Kindergarten.

Zunächst startete Frau Engels mit einer theoretischen Einführung über Sehbeeinträchtigungen. Eine Sehsstörung, hervorgerufen durch eine Störung der Brechkraft, kann in der Regel durch eine Brille korrigiert werden. Der Visus dagegen beschreibt die Fähigkeit des Auges, zwei voneinander getrennte Punkte als solche wahrzunehmen. Ist diese Fähigkeit eingeschränkt, hat dies weitreichende Folgen für das Sehen. Statistiken besagen, dass 70 % der Kinder mit Down Syndrom und 70 % der Kinder mit einer Cerebralparese unter Problemen beim Sehen leiden, insbesondere einer eingeschränkten Fähigkeit zur Akkommodation.

Was bedeutet es für ein Kind, wenn es solch eine Einschränkung des Visus hat? Wie verändert sich das Sehen? Was sehen die Kinder? Wie sehen die Kinder? Um uns dies zu verdeutlichen, nahm uns Frau Engels mit auf eine virtuelle Reise durch den Kindergarten. Dazu hatte sie verschiedene Stationen des Kindergartens fotografiert: Unter anderem den Eingangsbereich, den Flur, die Treppe in das Obergeschoss, die Turnhalle, die Waschräume, Spielmaterialen, den Garten. Sie hatte jedoch nicht nur einfach Fotos gemacht, sondern die Linse der Kamera so überklebt, dass man bei den Bildern einen ungefähren Eindruck bekam, wie Kinder mit Visuseinschränkung sehen.

Was wir dann zu sehen bekamen, machte uns sprachlos. Beim Ankommen in den Kindergarten soll ich die Jacke an einen Haken hängen. Welchen Haken? Ich sehe nur, dicht gedrängt, jede Menge Jacken. Ich soll meine Mütze in mein Fach legen, welches Fach? Ich sehe nur eine braune Fläche. Such dir ein Fahrzeug. Wie soll ich auf dem roten Teppich den roten Bobbycar erkennen? Irgendwo hier muss der doch stehen. Autsch, jetzt hab ich mich an irgendwas gestoßen, ich sehe nur, dass es braun ist und fühle, dass es weh tut...

Auf dem Weg vom Erdgeschoss in die Turnhalle im Obergeschoss: Dass Treppensteigen ist ein Abenteuer, wenn man die Treppe nur als große graue Fläche wahrnimmt, die Treppenstufen nicht erkennbar sind, weil sich die Kante nicht farblich abhebt.

So ließen sich noch viele Beispiele nennen über Erschwernisse, denen unsere sehbeeinträchtigten Kinder ausgesetzt sind, ohne das uns dies bewusst gewesen ist.

Wir haben viel gelernt in dieser Weiterbildung. Eine Treppe, deren Stufen farblich nicht abgesetzt sind, ist unsichtbar. Gelbe Trennungslinien auf dem Boden sind unsichtbar. In einem Waschraum ohne Farbkontraste haben die Kinder kaum Chancen, den Wasserhahn, den Seifenspender, den Handtuchspender, den Mülleimer zu erkennen. Holzspielzeug ist schön, aber kaum sichtbar. Bunt und Kunststoff dagegen schon. Weiße Teller auf dem beigen Esstisch sind unsichtbar. Manche Tischspiele funktionieren gar nicht, andere dagegen sehr gut. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Wir werden uns nun an die Arbeit machen. Kontraste setzen, die Dinge für die Kinder sichtbar und unterscheidbar machen. Soweit es eben in unserer Macht liegt.

Ch. Groß

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