Tour de Pfalz II

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Hier noch ein weiterer Artikel zu dem Motorradausflug von einem der Teilnehmer:

Eigentlich hatte ich den Ausflug mit dem Lukas geplant. Weil dessen Hinterradbremse den Dienst aufgrund eines neudefekten Geberzylinders verweigert, disponiere ich kurzfristig um: die frisch erworbene Falcone wird durchgeschaut, mit Öl und Fett beworfen und für die Ausfahrt hergenommen.


Tina begleitet mich auf ihrem Reisehuhn und wir machen uns auf den Weg zu Roger, den wir in Eschollbrücken auflesen. Als wir in Oggersheim bei der Lebenshilfe ankommen, sind etwa 30 oder so Motorräder und Gespanne, überwiegend vom Motorradclub "Kuhle Wampe" vor Ort. Die Fahrgäste suchen grade ihre leihweise Schutzkleidung zusammen. T., für den die Veranstaltung ein Heimspiel ist, stößt dort auch zu uns. Damit ist die kleine "Kackstuhl Owners Group / AiA" Delegation vollständig.


Michel von den Kuhlen Wampen teilt die Fahrer in Gruppen ein, so dass jeweils ein Solomotorrad, dessen Fahrer Ortskenntnisse hat, eine Gruppe anführt, danach etwa sechs Dreiradler fahren, und ein Solomotorrad das Gruppenende flankiert. Der Schlussmann hat die Aufgabe, an Kreuzungen und Abbiegungen auf den Spitzenmann der nachfolgenden Gruppe zu warten, um danach wieder zu "seiner" Gruppe aufzuschliessen. Ein hervorragendes Konzept für große Gruppen!
Eine kleine Abordnung von Harley Owners Group Ludwigshafen, die mit zwei Trikes und einer einsitzigen Solo dabei sind, aber keine Fahrgäste mitnehmen, verlangen, dass innerhalb der Gruppen nicht "Kreuz und Quer" gefahren werden soll. Ihr Vorschlag: "versetzt fahren!" geht in wilden Spekulationen darüber unter, wie man mit Gespannen auf den engen Sträßlein der Südpfalz wohl versetzt fahren könne.

Dann kommen die eigentlichen Hauptpersonen des Tages, und suchen sich ihre Chauffeure aus. Leyra, eine junge Dame mit spanischen Wurzeln entscheidet sich für die Falcone. Sie hatte von dem Ausfahrtprogramm gehört und spontan zugesagt. Jetzt, kurz vor der Abfahrt verlässt sie der Mut und sie beginnt zu weinen. Sie hat Angst vor der eigenen Courage. Ihre Grossmutter, die sie hergebracht hat, Tina und ich trösten Leyra, und überreden sie, doch mitzumachen. Besonders Tinas Versprechen, immer in der Nähe zu sein, gibt ihr Vertrauen. Na gut, sie kommt mit! Unterwegs dreht sie sich immer mal um, und vergewissert sich, das Tina noch da ist. Auf den ersten zwei. drei Kilometern ist Leyra noch verspannt. Mit zunehmender Entfernung wird sie entspannter und befreiter.


Wir fahren bei Kaiserwetter Richtung Höningen und dann quasi um T.'s Kloster aussenrum, in den Wald zu einem Landschulheim (Rahnenhof), wo einige "Wampen" und ein paar Mitarbeiter der Lebenshilfe für uns grillen und gekühlte Getränke bereit halten. Zunächst weigert man sich standhaft, Geld für die Getränke und die Speisen an zu nehmen. Es kostet mich viel Überzeugungsgeschick, durchzusetzen, dass eine Spendenbox improvisiert wird. Am Schluss bekommt jeder Fahrer noch einen 10 Euro Tankgutschein. Na gut, das Geld kommt in die Spendenbox ...


Cedric, ein junger Mann, der mit seinen Eltern soeben aus dem zweiwöchigen Elsass-Urlaub zurück kommt, und daher nicht am Morgen zur Abfahrt dabei sein konnte, stößt während der Pause zu uns. Er ist sehr motorradbegeistert, lebt aber in einer Cedric-Welt, die sehr fröhlich ist, aber irgendwie parallel läuft. Julia, die federführende Veranstalterin der Lebenshilfe, fragt, ob jemand bereit sei, eine kleine Runde mit Cedric zu drehen. Na klar ist da jemand bereit!


Cedric hat eigens sein Kawasaki T-Shirt angezogen. Er antwortet selten direkt auf Fragen.
"Bist Du schon Mal auf einem Motorrad mitgefahren?"
"Schöne Hose hast Du."
"Deine Mutter sagt, Du hast schon Mal bei einem Motorradhändler gearbeitet. Bist Du da schon Mal mitgefahren?"
"Kawasaki ist gut. Habt ihr eine Kawasaki dabei?"
"Ja ich habe mindestens zwei Kawasakis gesehen, aber schau doch Mal auf den Parkplatz."
"Zwei Motorräder. Zwei. Ich bin noch nie mitgefahren."
"Na dann zieh Dir bitte eine lange Hose an, dann nehme ich Dich mit."
"Zwei Motorräder"

Julia bringt einen Helm und eine Jacke.
"Cedric willst Du lieber Solomotorrad fahren, oder Gespann?"
"Solomotorrad. Meine Cousine heißt Marietta."
"Ich hab aber keine Kawasaki. Fährst Du auch auf einer BMW mit?"
"BMW ist gut. Marietta heisst sie."

Wir gehen zum Parkplatz. Ich setze mich auf die BMW, klappe die Fußrasten herunter und bedeute Cedric, aufzusitzen. Einer der Wampen hilft ihm, weil er nicht recht weiß, wo er hintreten soll. Wir zeigen ihm, wo er sich festhalten kann. Vorne an meinem Bauch, oder hinten am Haltebügel. Cedric klammert sich lieber an meine Unterarme.

"Nicht so schnell. Wir fahren nicht so schnell."
"Nein Cedric, wir fahren schön langsam!"
"Nicht so schnell. Sie heisst Marietta."
"Ist OK Cedric, wir sind schön vorsichtig."

Ich lasse es bei 30 bewenden. Cedric hört nicht auf, seiner Angst Luft zu machen.
"Nicht so schnell.
Ich bin geschützt.
Wir fahren nicht so schnell.
Sie heisst Marietta, Marietta heisst sie.
Nicht so schnell.
Nicht so schnell.
Ich bin geschützt ..."

Wir fahren etwa 2 Kilometer mit maximal 30 und ohne Schräglage auf der BMW. Wichtig war dann, an allen anderen vorbei zu fahren, und zu winken. Da war die Angst verflogen. Wieder am Parkplatz entscheidet sich Cedric dafür, noch eine Runde im Gespann mit zu fahren. Das geht etwas besser, aber auch nur bei der Winkestelle ohne Angst.

Auf dem Rückweg ist Leyra komplett entspannt und schläft erst einmal eine halbe Stunde im Seitenwagen.

Wieder zurück wird Leyra von ihrer Mutter und ihrer Großmutter abgeholt.
"Und? Hat sie nochmal geweint oder gekrischen?"
"Nein, ich glaube, es hat ihr sogar Spass gemacht"
Heftiges Kopfnicken. Leuchtende Augen.
"Leyra ist unterwegs sogar eingeschlafen, so entspannt war sie."
Wieder heftiges Kopfnicken. Immer noch leuchtende Augen und ein fröhliches Lächeln.
Die Mutter sagt:
"Dann kann ich ja das nächste Mal auch mitfahren!"
"NEIN! Ich will alleine fahren!"

Leyra wird wieder dabei sein.
Ich auch.

Justus (Kackstuhl Owners Group)

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